Solveigs Stäbe

Solveig ward dereinst eine Frau geheißen, welche durch die Weiten der Welt streifte um Wissen zu erlangen. Sie wollte erfahren was die Welt in ihrem Innersten verbirgt, wollte alle Geheimnisse lüften, die verborgen vor den Augen aller Sterblichen ruhten. In den tiefen Wäldern und hohen Bergen, in den rauschenden Flüssen und den brausenden Winden. Man erzählte sich, dass sie beschlossen hatte, nie wieder zu schlafen, da sie keine Zeit damit vertun wollte, zu ruhen.

 

Sie wanderte viele Jahre durch die Welt und eines Tages kam sie an einen hohen Berg. Sie begann, ihn hinauf zu wandern und als der Weg felsiger wurde und kein Weg mehr zu erkennen war, nur noch der steile Fels, begann sie zu klettern. Sie hörte nicht auf, bis sie seine kahle, vom Wind umtoste Spitze erreichte. Dort war nichts, außer einem einzigen mächtigen Baum, welcher auf einem großen Haufen Findlinge stand. Es war ein Heilsbaum Yddrasayes und in jede seiner Wurzeln war ein anderes merkwürdiges Zeichen geritzt.

 

Sloveig wunderte sich wie dieser Baum als einziges hier oben bestehen konnte. Als die Müdigkeit sie umfing lehnte sie sich an dem dicken Stamm und versetzte ihren Geist in eine erholsame Trance.

Als sie so in diesem Zustand auf der hohen Bergspitze saß, fingen die Zeichen in den Wurzeln an zu leuchten und plötzlich löste sich ihr Geist und wurde von den Winden durch Zeit und Raum getragen. Ihr Blick fiel auf vielerlei Dinge Wahrheit und letztlich sah sie ihre eigene Zukunft. Wissbegierig ließ sie sich weiter tragen, obwohl die Winde flüsterten und ihr rieten, von ihrem Durst nach Wissen abzulassen. Doch Solveig wollte mehr wissen. So ließ sie sich immer weiter treiben, sah immer mehr und die Stimmen rieten ihr wieder umzukehren.

 

„Wer seid ihr, das ihr mir raten wollt dem Wissen den Rücken zu kehren?“

„Wir sind Sfligadey. Wir sind die Winde der Zeit. Yddrasaye schwor uns ein und gab uns diese Aufgabe zu wachen. Wir sind die Beschützer des Baumes Brengolnar, dessen Wurzeln sich stets winden und weiter ziehen, bis hinein in die Höhlen des Ghaust. Sie berühren alles auf dieser und in den anderen Welten. Das Wissen um Zeit und Raum liegt in ihm verborgen, denn er wurde einst gespeist vom Blute Ghaenas. Selbst die Götter wagen nicht ihn zu fällen, denn er wächst stetig weiter und seine Äste und Wurzeln halten die Welten zusammen. Sollte Brengolnar fallen, so werden die Welten zerbrechen. Um dies zu verhindern schwor Yddrasaye uns ein, den Baum zu schützen. Alle, die sich ihm je näherten wandelten wir durch die Kraft der Zeit zu Stein.“

Solveig sah zurück und wurde des Haufens aus großen Steinen gewahr, auf welchem der Baum stand. Da wurde ihr gewahr, dass auch sie einer dieser Steine sein würde.

 

Da erschien Yddrasaye selbst. Sie hatte Solveig lange beobachtet und war ihr gefolgt. Sie reichte ihr die Hand und zog sie zurück in ihren Körper. Doch als die Gestalt mit dem mächtigen Geweih ihr gebot aufzustehen, war sie viel zu schwach, denn Solveig hatte bereits ihren eigenen Tod gesehen und niemand, ob sterblich oder Gott wird sich je erholen von dieser Erkenntnis.

Yddrasaye reichte ihr einen Schlauch mit Wasser und sie trank. Mit jedem Schluck den sie nahm, erstarkte ihr Körper, doch ihre Erinnerung verblasste, denn es war kein gewöhnliches Wasser. Es war aus Whern, dem siebten Meer. Alle Flüsse fließen ins Meer und alle großen Meere fließen schließlich in Whern. Dieses Wasser spült alles hinweg und niemand, der das siebte Meer befahren sollte, kehrt je zurück, denn es spült alles hinfort, selbst aus seinem Geist.

 

So vergaß Solveig die Erinnerung an ihren Tod und Leben kehrte in ihren Körper zurück. Doch da sie auch sonst keine Erinnerungen besaß, beschloss die erste unter den Göttern ihr ein Geschenk zu machen. Sie gestattete ihr die Runen welche in die Wurzeln geritzt waren abzumalen und zeigte ihr, wie sie mit ihnen einen kleinen Blick in die Zukunft werfen konnte.

Solveig hatte allerdings nichts mit auf dem sie die Runen abmalen konnte. Schließlich nahm sie die kleinen Holzstückchen des Anmachholzes welche sie in ihrem Reisesack bei sich führte und ritzte sie mit einem Messer hinein. So ist es seitdem Brauch die Runen in hölzerne Stäbe oder Scheiben zu schneiden.

Dann verließ Solveig den Berg und stieg hinab. Sie brachte anderen das Wissen der Stäbe und zeigte anderen einen Blick in ihre Zukunft, doch wusste sie selbst weder woher sie kam noch was ihre Zukunft brachte, denn nie wieder vermochte sie ihre eigene zu schauen.