Vom Antlitz der Geschwister

Vom Tag und der Nacht

 

In der Welt, über die Yddrasaye nun wachte gab es viele Geschöpfe. Sie sah das nicht alle aufrichtig und ehrlich waren, sondern sich an dem Leid und Tod anderer erfreuten. Sie zogen durch das ewige Zwielicht und brachten Unheil. Als dann die Ghaeni sich ein weiteres Mal in Gremdhal eingefunden hatten um zu beratschlagen, so rief die gehörnte Herrin von ihrem Thron aus zu Rhadild

hinüber.

 

„Rhadild, sagtest du nicht alle Wesen würden deinen Antlitz verehren und gleichzeitig fürchten? Sie was dort draußen geschieht! Tod und Leid zieht durch die Welt und niemand kümmert es. Sie haben keinen Respekt vor dir, so wie du es behauptet hast als du hier die Herrschaft verlangtest.“

 

Rhadild, in seiner Eitelkeit gekränkt, beschloss auf seine Weise sein Antlitz für die Menschen sichtbar über das aller anderen Götter zu stellen. So ging er hinaus und stieg auf in den Himmel weit dort oben am Firmament der ewigen Dämmerung. Dort sammelte er seine Macht und formte seinen Körper. Er nahm so viel Kraft in sich auf bis seine Gestalt gleißend und lodernd den Himmel erhellte. Alle Menschen sollten ihn sehen. Als ein ewiges Mahnmal und ein Bildnis für einen jeden auf der Welt, wollte er sie in Licht tauchen.

 

Die Wesen schauten auf zum Himmel und erkannten Rhadild, das gleißende Licht was von nun an für sie den Tag erschaffen hatte. Doch jene Wesen, welche in ihrem Herzen den Keim Gha’usts hatten, wanden sich unter dem Lichte. Sie konnten seinen Anblick nur schwer ertragen und einige unter ihnen verbrannten gar an diesem Licht. Ihre Haut begann zu schwelen und zu kohlen bis sie schwarz

war wie das Gewand des Raben. Um die Qualen nicht ertragen zu müssen zogen sie sich in Höhlen und Spalten in der Erde zurück und versteckten sich tief unten im Erdreich, wo Gha’usts Keim sie noch weiter verseuchte.

 

Yddrasaye sprach zu dem kleinen Volk. Sie sollten sich auf die Spuren derer begeben, welche sich in die Erde zurückgezogen hatten. Sie taten wie ihnen geheißen und auf ihren Wegen errichteten sie Städte und große Festungen, auf das diese Wege gesichert seien. Das kleine Volk blieb dort unter der Oberfläche, denn Rhadilds Feuer brannte heiß genug in ihnen und sie brauchten seinen Antlitz nicht erblicken um seinen Ruf in sich zu verspüren. Stein und Feuer liegt in ihrenm Blut.

 

Rhadild war stolz auf seine Tat und schwellte seine Brust vor den anderen Göttern. Hatte er sein Antlitz doch auf ewig über den Häuptern der Sterblichen an den Himmel gestellt. Die große Mutter allerdings lächelte in sich hinein, hatte sie doch ihren Bruder ein weiteres Mal dazu gebracht seine Kraft ihrem Willen zu fügen. Mit der Zeit jedoch merkte Rhadild, das es ihn viel Kraft kostete ständig am Himmel zu wachen und als er schließlich so müde war, dass er nur mit Mühe wach bleiben konnte, da kam Ydrrasaye zu ihm und sprach.

 

„Rhadild mein Bruder. Auch du kannst nicht die ewige Wacht halten, denn alles in den Welten muss im Gleichgewicht bleiben. So schlafe nun und ruhe dich aus.  Damit aber die Sterblichen nicht sehen wie du dich schlafen legst, so lass mich meinen Umhang über die Welt legen auf das Dunkelheit herrsche."

 

Dankend nahm er das Angebot seiner Schwester an und Die große Mutter breitete ihren Mantel über die Welt. Es war ein prächtig anzusehendes Kleidungsstück, gewebt aus dem tiefen Blau der Schattenbäume, welche in Ghaenheim wachsen, dem Land in dem die Götter sind. Geziert ist er mit den Kernen ihrer Früchte, welche als helle Punkte erscheinen. Sie sind die Erinnerung unserer Ahnen, welche als Mahnmal zu uns herableuchten. Das werden sie tun bis zu den Tagen Fealingblot.

 

In der Zeit von Rhadilds Schlaf, wenn der Mantel der großen Mutter Dunkelheit über das Antlitz der Welt legte, kamen die Kreaturen, deren Seelen von Gha‘ust getränkt waren, zurück an die Oberfläche gekrochen und suchten die Sterblichen heim.

 

Ydrassaye ging zu einem kleinen See und schaute hinein. Ihr Glanz spiegelte sich in der Oberfläche des dunklen Gewässers. Sie beugte sich hinab und schöpfte mit beiden Händen das Wasser mit ihrem Antlitz darin heraus und hob es an den nächtlichen Himmel. Es solle den Kreaturen Gha’usts eine Warnung sein. Denn stets hat die Herrin ein Auge auf sie. Auch in der Nacht wacht sie über alles was

ist.

 

Doch mit dem langen Schlaf der Herrin nahm ihr Antlitz am nächtlichen Himmel stetig ab und schließlich ward es nicht mehr zu sehen. Da kamen die Andash zusammen an jenem Teich. Sie baten das Wasser sich zu erinnern und es tat dies. Der Glanz der Herrin erschien im Wasser. Andächtig schöpften die Andash es ab und hoben es erneut an den nächtlichen Himmel und so werden sie es tun, bis zu den Tagen von Fealingblot.