Die Geschichte der Zwerge Dros Rocks

 Die Zwerge sind neben den Drow vermutlich das älteste Volk von Dros Rock. Dies behaupten sie zumindest gerne von sich. Beweisen kann das freilich niemand. Funde von metallenen Trinkgefäßen und altvorderen Pfeifenstopfern aus Mithril zeugen von einer Zwergenkultur, die weit in die Anfänge der Mittellande zurückgeht. Fundorte mit verrosteten Zwergenäxten und Orkschwertern legen den Verdacht aber Nahe, dass der Landstrich nicht allein von Zwergen bewohnt war. Ein inzwischen leider verschollenes Fragment einer zwergischen Chronik, eine grobe runenbehauene und stark verwitterte Eisenplatte – offenbaren die kiloschwere Seite eines zentnerschweren Bandes – vielleicht zusammengehalten durch gestanzte Löcher in den Rändern und schmiedeeisernen Ringen – hat angeblich auch von Kobolden, Trollen, Feen, Orks, Hobbits und Kendern berichtet.

 

 

 

Da die Platte, wie erzählt wird, mit keinem Wort Menschen oder Elben genannt habe, vermuten Geschichtsforscher heute, dass sie sich späterer Zeit dort angesiedelt haben. Das Vorhandensein zahlloser Drowvölker belegt allerdings, dass Elben diesen Landstrich ebenfalls früh bewohnt haben müssen. Der Legende nach stammen Drow von Elben ab. Doch diese wahrlich dunkle Geschichte soll ebenfalls an späterer Stelle erzählt werden. Von den Elben weiß man zumindest, dass sie die Gegend, auf ihrem Weg zum Meer, seit Alters her durchwandert haben. Von losen Ansiedlungen oder Dörfern der Elben in Dros Rock steht jedoch nirgendwo etwas geschrieben.

 

 

 

Die Anfänge der späteren Grafschaft Dros Rock lassen sich daher nur mühsam zusammentragen. Bis heute hat auch noch kein Scribent oder Sammler von Erzählungen dies Unterfangen begonnen. Von einer Geschichtsschreibung Dros Rocks kann daher kaum die Rede sein. Denn die Zeugnisse von Geschichte und Geschichten sind heute verloren. Die Zeitalter gingen darüber hinweg und aus den Geschichten wurden Legenden, Gute- oder auch Schlechte-Nachtgeschichten für Kinder, der Stoff, der auch gerne an Lagerfeuern oder flüsternd in Tavernen erzählt wird. Schließlich wurden aus Legenden Mythen – ein hauchdünner Schimmer von Erinnerung an ruhmreiche Schlachten, längst vergangene Geschehnisse von Freud und Leid unter dem klaren Sternenlicht der jungen Mittellande.

 

 

 

Ein Reisender, der heute in einer Taverne etwas über die Mythen des verlorenen Dros Rocks erfahren möchte, tut sicher gut, nach einem alten Zwergenkrieger Ausschau zu halten. Sicher darf man dabei nicht alles für bare Goldmünze nehmen. Wie bei jedem Mythos liegen Dichtung und Wahrheit weit auseinander und gerade bei Zwergenmythen darf man sicher annehmen, dass dies oft viele Meilen sind. Trotzdem sind die Erzählungen eines Zwergen über die Anfänge von Dros Rock ein Erlebnis für sich. Erst wird er den Reisenden bitten, Platz zu nehmen und es sich gemütlich zu machen. Dann wird er zwei sehr große Humpen Bier bestellen, mit einem kräftigen „Prost“ einen tiefen Zug nehmen, sich den Schaum aus dem Bart wischen, tief seufzen, etwas Unverständliches brummen und dann erzählen: Und bereits nach wenigen Sätzen werden seine Augen zu glühen beginnen, er wird ausladende Gesten mit den Armen machen, vorsorglich zwei neue Humpen bestellen und dann voller Leidenschaft eine Erzählung zum Besten geben, die den Begriff Mythos wirklich verdient:

 

„Als die Wurzeln der Erde noch jung und stark waren, als Erz und Mithril noch aus den feuerspeienden Spalten der Erdkruste quollen, entstanden die ersten Zwerge. Aus Eisen und Stein geschmiedet und zum Leben erweckt durch die göttlichen Mächte; aus Erde und Metall geschaffen, um Feuer und Hitze Stand zu halten. Dort, wo der Boden schon etwas erkaltet war, gruben unsere Vorfahren Höhlen als Schutz gegen den giftigen Regen, der aus grün-grauen Wolken auf die Oberfläche niederging. Beim Graben stießen unsere Ahnen an einer Stelle auf ein weiches gelbes Metall, das zähflüssig aus der Höhlenwand rann oder ungeheuer langsam aus der Decke des frisch gegrabenen Tunnels auf den Boden tropfte und sich in einer Senke einer großen Höhle zu sammeln begann. Nach vielen Jahren war es ein regelrechter See aus Gold geworden und die Zwerge liefen staunend sein Ufer entlang. Die ersten Zwerge, so heißt es bei uns, haben daher allesamt goldene Stiefel gehabt. Noch heute sagen wir einem müden Krieger unseres Volkes: ‚Du hast doch wohl nicht heimlich Deine goldenen Stiefel im Tunnel vergraben’ – eine scherzhafte Anspielung auf vermeintlich hohes Alter.

 

 

 

Langsam verfestigte sich das Gold zu einer festen Oberfläche, sodass unsere Väter über den See gehen konnten und im Glanz des Bodens sahen sie zum ersten mal ihr eigenes Angesicht. Deshalb, so heißt es in den Mythen unseres Volkes, sind der Blick der Zwerge und all ihr Streben oft zu Boden gerichtet. Im Narziss der Zwerge, dies sagen die Elben heute von uns, verschmelzen das gelbe Metall und unser Selbst miteinander, das Gold sei der Spiegel unserer Seele, daher beschäftigten wir uns so viel mit Gold. Daher unsere Liebe, unser Hunger nach Gold, denn im Spiegel des Goldes suchten wir Zwerge letztlich uns selbst, sagen die Elben. Und im Gold läge teils auch der Grund für ihren Zwist uns. Denn der Blick zu Boden, zu Gold und Selbst, nähre nur den Eigensinn der Zwerge. Elben dagegen blickten stets zu den Sternen, deren Widerschein für die göttlichen Mächte stehe und damit einem höheren Ziel diene. Der Blick zu Boden und der zu den Sternen kreuzt sich selten, sagen die Elben auch.

 

 

 

In den Zeitaltern, die folgten, gruben die Väter unseres Zwergengeschlechtes immer längere, tiefere und unendlich verzweigte Stollen, weiteten Stollen zu Tunneln, Tunnel zu Hallen, Hallen zu Palästen, prächtig erleuchtet vom Widerschein des Feuers in Gold, Silber und später auch funkelnden Gemmen. Und jeder Tunnel war reich mit goldenen Ornamenten oder Standbildern geschmückt. In dieser Zeit, so erzählen die Ältesten aus unserem Volke, sei das „Zwergenreich der tausend goldenen Tunnel“ gegründet worden und dies sei die erste Blütezeit der Zwerge gewesen. Diese endete mit dem Auffinden von Wahrsilber – Mithril später genannt - ein Metall, federleicht und doch härter als ein scharf geschnittener Panzer aus Gemmen. Ein Metall, das nur in den unendlichen Abgründen der Erde zu finden war.

 

Die Grabungen der Alten aber weckten die dunklen Mächte der Welt, Dämonen, die sich nah an ihrem heißen Kern vor göttlichem Willen verborgen hatten. Es heißt, dass in den tausend goldenen Tunneln tief unter der Erde eine gewaltige Schlacht zwischen einem Dämonenheer und den alten Zwergenvölkern geschlagen wurde. Neun Umläufe der Sonne lang habe die Schlacht getobt. Die Dämonen brachten das alte Feuer aus den tiefen der Erde in die Tunnel zurück und das Gold darinnen begann zu sieden und heißer goldener Dampf begann vom goldenen See aufzusteigen, der sich auf den Rüstungen und Schwerten der Krieger niederschlug und sie am Ende vollkommen umhüllte. In den Geschichten meines Volkes wird die Schlacht die „Schlacht des goldenen Feuers“ genannt.

 

Bis zu den Toren des Tunnelreiches trieben die Feuerdämonen die Zwergenheere zurück. Dort war es auch, wo unsere Ahnen die Schlacht für sich entschieden. Es heißt: Je weiter sich die Dämonen von der Glut inmitten der Erde entfernten, um so mehr Energie mussten sie aufwenden, um das immer schwächer werdende Feuer in ihnen am Leben und damit ihren Körper aus Metall und Stein zusammen zu halten. Dies machte sie gegen die mächtigen Hämmer der altvorderen Zwergenkönige verwundbar. Erbittert fochten unsere Väter am Ende an der Oberfläche und die Schlacht stand auf der Schneide der Axt, als sich ungeheure Wolken über dem Schlachtfeld auftürmten und mit Blitz und Donner ein gewaltiger Regen aufkam. Dem Regen hielten die Dämonen nicht stand, sie überluden die ihnen innewohnende Energie vollends, um nicht zu erlöschen, dann zerbarsten sie zu kleinen Brocken Erzgesteins, das im Hagel weit über das Land hernieder prasselte und von reißenden Regenströmen hinweg und in die Welt getragen wurde. Und mit dem Zerbersten entluden sich die ungeheuren Mengen Energie, gleißendes Licht, das viele Zwerge durchdrang und in Nichts auflöste. Mit dem Zerbersten der Dämonen ist die Magie in die Welt gekommen, heißt es bei uns Zwergen und ungezügelt habe sie den Großteil der alten Zwergenvölker in diesem Moment im Angesicht des Sieges hinweg gerafft.

 

 

 

Nicht alle Dämonen wurden vernichtet. Als der große Regen einsetzte und sich die Ströme in die Tunnel ergossen, wichen sie vor dem Tosen zurück, bis zu dem tiefen Punkt, den wir Zwerge noch heute die Wasserscheide nennen, der Punkt nämlich, wo die Glut der Erde Feuer und Wasser trennt und nun eingeschlossen in den Tiefen ein heißer Nebel ist, der sich an den Tunnelwänden niederschlägt, abregnet, erneut verdunstet, wieder Nebel bildet und damit in einem ewigen Kreislauf gefangen ist. Hinter der Wasserscheide, sagen wir Zwerge, lauern die Dämonen darauf, dass sich die Welt wieder so weit erwärmt, dass sie heraufkommen und die Tunnel der Zwerge und alles Leben an der Oberfläche wieder mit tödlichem Feuer überziehen können.

 

 

 

Die überlebenden Zwerge beschlossen nach der „Schlacht des goldenen Feuers“, die Tunnel nicht wieder zu besiedeln, sondern in weiter Entfernung neue Schächte zu graben und neue Reiche zu gründen. Abkömmlinge dieser Völker dürften es gewesen sein, auf die das Fragment des eisernen Buches zurückgeht. Ihre Geschichte ist aber nirgendwo weiter aufgezeichnet. Die goldenen Tunnel aber waren auf immer verloren. Denn mit dem Regen war die Erdoberfläche und auch die Erde darunter kalt geworden. Kein Gold tropfte mehr aus Wand oder Decke. Es musste fortan unter Mühsal in den Minen Zwergenschweiß treibend geschürft oder in unterirdisch durch die Goldadern geleiteten Flüssen gewaschen und dann zuerst wieder aus dem Stein geschmolzen werden. Dies hat, sagen manche aus meinem Volk, unseren Hunger auf das Gold aber auch unseren Hass auf alles Böse nur noch stärker werden lassen.

 

 

 

In den verlorenen „Tausend goldenen Tunneln“ indes, stehen sie immer noch, Reihe an Reihe, Block an Block, Heer an Heer: Gänzlich vom Gold umschlossene Zwergenkrieger. Zentausende – bereit, um am Ende der Zeit, vom Auseinanderbrechen der Welt befreit, die letzte Schlacht gegen die Dämonenheere zu schlagen.“

 

 

 

Die Geschichte vom Anbeginn der Zeit und dem Erwachen der Zwerge ist vermutlich der älteste Mythos, der in Dros Rock existierte. Elben und Menschen, die sich weit nach den Zwergen dort ansiedelten, brachten aus den Ländern, aus denen sie kamen, eigene Geschichten, Legenden und Mythen mit. Davon soll folgend weiter berichtet werden.

 

 

 

Anmerkungen des Hofmagus Aiden ui Thallwyn, notiert im Jahre 93 n.M.

Bislang ist die genaue Quelle für diese niedergeschriebenen Zeilen genauso unsicher, wie der Zeitpunkt der Scribierung. Daher müssen die vermeintlichen historischen Erkenntnisse, die ein Gelehrter hieraus entnehmen möchte mit einer gesunden Portion Vorsicht betrachtet werden.

... und 96 n.M.

Unlämgst sind uns historische Aufzeichnungen eines Dros Rocker Zwerges in die Hände gefallen deren Authentizität durch entsprechende Funde  als nahezu bewiesen erachtet werden dürfen. Eine Abschrift der Texte befindet sich vorsichtigerweise dennoch in der Abteilung Sagen und Legenden unter Karak'dhun.